| Indischer Missions Bericht 1979 / Part 1 | |
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Zweieinhalb Jahre sind nun vergangen, seit ich das erste Mal nach Indien kam. Ich ging dorthin als Missionar der Vereinigungskirche. Unsere Wohnung bzw. unser Zentrum, wie wir es nennen, liegt etwas außerhalb der Stadt. Auf dem Weg dorthin bietet sich mir ein trostloser Anblick. So viele Menschen auf einem Fleck hatte ich noch niemals zuvor gesehen! Die ersten Eindrücke, die mich gefühlsmäßig am meisten bewegen, sind die zahllosen Bettler, die auf den Straßen herumlungern. Unmenschliche Zustände zeigen sich, wo immer man hinschaut. Kleine Kinder, Jugendliche und Greise wandern durch die staubigen Straßen, um nach irgendetwas Essbarem Umschau zu halten oder um Geld zu kriegen. Hin und wieder werde auch ich angebettelt, denn Touristen und Ausländer, von denen sie sich eher ein Almosen erhoffen, sind besonders geschätzt. Wenn ich nicht die Verantwortung meiner neuen Mission so sehr gefühlt hätte, wäre ich schon nach wenigen Tagen wieder abgereist. Aber diesen Gedanken schob ich schnell beiseite. Heute habe ich mich schon an viele Dinge gewöhnt. An die überfüllten Busse und die langen Wartezeiten zum Beispiel. Oftmals muss man wirklich artistische Leistungen vollbringen, um aus solchen "Ölsardinen Büchsen" wieder herauszukommen. Wer kein Geld besitzt, fährt einfach schwarz. Das Dach und ein Halt am Rückfenster verhelfen dazu - natürlich hat der Fahrkartenschaffner nichts dagegen. Auf dem Markt geht es nicht viel anders zu. Es ist schon sehr schwierig, gerade nach Feierabend oder besonders am Wochenende, seine nötigen Einkäufe zu erledigen, seinen Reis und sein Gemüse einzukaufen. Für den Inder ist die Zeit nicht so sonderlich wichtig. Er lebt mehr für den Moment. Dagegen sind wir Europäer immer darauf bedacht, dass alles möglichst schnell geht. |
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Indien zählt eine Bevölkerung von fast 700 Millionen Menschen. Damit stellt sie die zweitgrößte Nation nach China dar. 80 Prozent davon fristen ihr Dasein in Elend und Armut. Über 75 Prozent sind Analphabeten und sprechen nur ihren einheimischen Dialekt. Der Mensch besitzt für den Inder den gleichen Wert wie die Natur und die Tiere. So stört sich auch niemand daran, wenn die Kühe auf den Straßen herumlaufen. Die Kuh ist ja bekanntlich das große Heiligtum der Inder und ihr Fleisch darf nicht gegessen werden. Hin und wieder kann ich beobachten, wie eine Kuh Reis und Gemüse zu fressen bekommt und eine Schar hungriger Bettler um das ergreifende Schauspiel herumsteht. Die heilige Kuh - dieser Brauch entstammt dem Hinduismus, der am weitest verbreiteten Religion des Landes. In den Großstädten jedoch, die während der letzten Jahrhunderte stark unter westlichem Einfluss standen, verschwinden zusehends diese alten Gewohnheiten und Sitten und man isst inzwischen sehr "westlich". Auf dem Lande, wo Tausende von Analphabeten leben, hält man sich noch sehr stark an Althergebrachtes. Tief verwurzelt ist bei den Indern auch der Gedanke der Wiedergeburt, der Reinkarnation, d. h. dass der Mensch nach seinem Tode physisch wieder geboren wird. Sie glauben auch, dass er in einem Tier wiedergeboren werden kann. Das Christentum fasste schon sehr früh in Indien Fuß. Der Apostel Thomas brachte nach der Kreuzigung Jesu die Evangelien in den südlichen Teil Indiens. Im 16. Jahrhundert kamen die Engländer auf den indischen Kontinent und eröffneten dort eine Handeiskompanie. Später wurde Indien zur englischen Kronkolonie ernannt. |
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Mahatma Gandhi war die treibende Kraft dafür, dass Indien im Jahre 1947 seine Unabhängigkeit und Selbstständigkeit wieder zurück gewann. Heute schaut man sehr auf den Westen und bewundert die westliche Wissenschaft, Technik und besonders das Erziehungswesen. Es ist daher eine große Herausforderung für uns Missionare, diesen Menschen durch unser Handeln und unser Vorbild Hoffnung und Anregung zu bringen. Das Zentrum unserer Kirche besteht aus zwei notdürftigen Räumen. Moskitonetze hängen zum Schutz an jedem Fenster. Die Moskitos und die Hitze sind für uns eine große Plage. Die Technik in unserem Haus ist noch sehr unterentwickelt und so bereiten wir unser Essen auf einem alten Petroleumkocher. Wir leben hier zu dritt: Sara, unsere Schwester aus Amerika, Kazuhiro-san, der Bruder aus Japan und ich aus Deutschland. Wir haben uns gleich am Anfang auf die englische Sprache geeinigt, wodurch zunächst noch erhebliche Verständigungsschwierigkeiten auftraten und es manchmal auch zu Missverständnissen kam. Inzwischen verstehen wir uns jedoch problemlos. In der Stadt haben wir uns ein kleines Büro gemietet, wohin wir auch Menschen einladen können. Wir unterhalten uns über alle möglichen Themen mit ihnen, sprechen über Gott und die geistige Welt, über den Sinn des Lebens und die ideale Welt. Wir lehren auch die Göttlichen Prinzipien, die Lehre der Vereinigungskirche und diskutieren darüber. Die indische Philosophie betont sehr stark das Unsichtbare, Geistige, und deshalb ist es nicht allzu schwer, über Gott und geistige Dinge zu reden. Jedoch das praktische, direkte Handeln stellt für den Inder eine große Schwierigkeit dar. |
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In Kalkutta haben wir eine kleine Schule aufgebaut. Wir säuberten und renovierten eine Garage und verwandelten sie in einen kleinen Klassenraum. An die zehn Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren, die weder schreiben noch lesen können, besuchen regelmäßig den Unterricht. Anita, ein indisches Mitglied unserer Kirche, lehrt sie jeden Tag drei bis vier Stunden. Es handelt sich meist um Kinder aus unserer Nachbarschaft, deren Eltern nur ein geringes Einkommen beziehen und die unter äußerst ärmlichen Umständen leben und in notdürftigen Behausungen untergebracht sind. Die Kinder in eine normale Schule zu schicken, wäre zu teuer. Deshalb sind sie solch traurigem Schicksal überlassen. Es macht uns riesigen Spaß, unsere "Little Indians'' in der Garage zu sehen. Das erste Mal der Kontakt zu einem Buch - es bedeutet für sie ein ganz neues Leben. Auf den verschiedensten Ebenen konnte ich die Menschen dieses Landes kennen lernen und viele Erlebnisse während der letzten zweieinhalb Jahre machen. Die Inder sind sehr gefühlsmäßig, was es mir leicht machte, schnell eine herzliche Beziehung zu ihnen herzustellen. Das ich Europäer und von weißer Hautfarbe bin, brachte mir oft Vorzüge ein. Viele Male wurde ich von Familien eingeladen, deren Söhne und Töchter unsere Mission unterstützen. Die Gastfreundlichkeit dabei überraschte mich immer wieder. Sie zählt als das höchste Gebot bei diesen Menschen. Meistens wird einem sofort Tee angeboten, was noch ein Überbleibsel aus englischer Kolonialzeit ist. Was mich auch sehr tief bewegte und beeindruckte, war die Beziehung, die zwischen Eltern und Kindern besteht. Sie scheint mir weitaus tiefer und inniger zu sein als bei uns im Westen. Selbst wenn die Söhne und Töchter heiraten, leben sie weiterhin mit den Eltern zusammen und sorgen für sie bis an ihr Lebensende. Altersheime oder Kinderheime sind hier völlig fremde Begriff. Die Verantwortung, die man innerhalb der Familie trägt, hat mich immer wieder in Erstaunen versetzt. Auch die Ruhe, die die Inder in sich tragen, fiel mir sehr stark auf. Im Gegensatz dazu sind wir im Westen große Hektiker, ungeduldiger und aktiver. Wir in Europa legen so viel Wert auf das Individuelle, der östliche Mensch viel mehr auf das Kollektive. Darum fühle ich deutlich, wie sehr sich diese "zwei Welten" brauchen und in vielerlei Dingen auch ergänzen. Ich wünsche mir sehr, dass wir diesem armen Volk noch in vielerlei Weise dienen können und den Menschen dort das Herz Gottes und Seine Botschaft für die heutige Zeit nahe bringen können. |
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